Wer nur Bilder sehen will, guckt hier
Wer sich für die Einzelheiten dieser Tour interessiert: Es gibt das reich bebilderte 70-seitiges Tagebuch als ebook
(pdf) oder als schöne Printversion (A4 quer, Softcover).
Einfach hier nachfragen.
Nachdem ich 2006 den Everest besichtigt und dabei das erste mal den Geruch der "grossen" Berge verspürt hatte,
konnte es nicht ausbleiben, dass mich die Sehnsucht (trotz aller Strapazen) irgendwann wieder packen würde. Und so
war es nur mehr als konsequent, dass irgendwann die N°2, nämlich der K2, in das Visier des Fernreisenden rückte.
Problematisch war jedoch, dass mir das Anreisegebiet Pakistan/Kashmir zu diesem Zeitpunkt nicht als vertrauenswürdiges
Reisegebiet erschien. Mehr durch Zufall als durch systematische Suche stiess ich 2008 auf die Homepage eines kleineren
Bergisch-Gladbacher Reisebüros, welches ein K2-Trekking mit Anmarsch durch China anbot. Zwar ist der Anblick des K2 von
Norden her nicht so spekakulär wie vom berühmten Concordia-Platz auf dem Baltoro-Gletscher, aber dafür bietet die chinesische
Seite eine Landschaft in absoluter Abgeschiedenheit und Menschenleere (was man von Concordia nicht behaupten kan ;-))
Auch in der folgenden Schilderung konzentriere ich mich auf Umstände/Eindrücke und Fakten, die nicht unbedingt dem Reiseprospekt zu
entnehmen sind.
Der eigentlichen Wanderung geht eine über 1000 km lange Anfahrt aus der kirgisischen Hauptstadt Bishkek voraus. (GPS-Track der Auto-Fahrt
downloaden)Zu Bildungs- und Akklimatisationsgründen bewegt man sich 5 Tage lang (hauptsächlich per Kleinbus) durch das Tienshan-Gebirge, mit Abstechern zum
Son-Kul-See und in die Tash Rabat Karawanserei, was auch
optisch eine gute Einstimmung ist.
Man wird von einer russischen Agentur betreut(was mir die Verständigung erleichterte), die eine hervorragende Arbeit leistet. Ein Fahrer, eine Köchin und
ein Guide sorgen für ein "Rundum-Sorglos-Paket".
Das Passieren der Grenze zwischen Kirgisien (auch Kyrgystan) und China stellt eine
Erfahrung der besonderen Art dar (insbesondere in Zeiten von Schweinegrippe!). Buddhistische Gelassenheit ist die
Mindestanforderung an die mentale Befindlichkeit. Es folgt der lange Abstieg in die Stadt Kashgar am Rande der Taklamakan-Wüste. Hier hat man intensiv
Gelegenheit, die kulturellen Besonderheiten des Zusammenlebens von muslimischen Uiguren mit Han-Chinesen sowie die
spezifischen Charakteristika chinesischer Sicherheitspolitik an uigurischen und/oder chinesischen Feiertagen zu studieren.
Landeskunde der besondern Art wurde uns auf der Rückfahrt durch den Besuch einer uigurischen Diskothek zuteil.
Am nächsten Tag geht es zügig über die Orte Yengisar (unbedingt anhalten und ein berühmtes Messer kaufen!)und Yarkand
nach Yecheng (uigurisch: Kargalyk) weiter. Dort bietet das schon etwas in die Tage gekommene "Goodwin Austen
Mountaineering Hotel" die einzig akzeptable Bleibe (Tipp: das Hotel-Frühstück einfach ignorieren, es ist inakzeptabel.
Alternative: Fladenbrot vom Bäcker um die Ecke + Marmelade aus der Expeditionskiste)
Es ist am "km 0" auf dem Weg zum K2 gelegen (Zitat aus dem Hotelprospekt). Der km-Zähler muss sich jedoch noch ca.
250 mal drehen, bevor sich die Karawane am übernächsten Tag in Bewegung setzen kann. Den Reisepass braucht man auf dieser
Etappe nicht weit wegzustecken, neben zwei sehr hohen Pässen (3.600 und 5.000 m) liegen auch drei Checkpoints auf der Strecke. Dort müssen
(vermeintlich) fehlende Unterschriften oder Stempel auf Permits, Genehmigungen usw. gegen Entrichtung geringer Bearbeitungsgebühren
kompensiert werden. Am letzten Check-Point ("Charlie") kurz vor Yilik darf man das Reisedokument endgültig hinterlgen,
dafür kann dort die "Gebühr" in Form von Naturalien entrichtet werden (Melonen, Zigaretten sind bei den einsamen Beamten
sehr gefragt).
In dem kleinen Dorf Yilik (1982 von Schulze/Neubauer noch als nur zeitweilig besuchter Lagerplatz beschrieben) müssen die Jeeps
dann endgültig stehenbleiben. Unter Anteilnahme der gesamten Familie der Kameltreiber werden die Tragetiere beladen.
(GPS-Track der Auto-Fahrt downloaden)
Auf den ersten zwei Etappen halten sich die bergsteigerischen Herausforderungen in Grenzen, es gilt, das Flussbett des
Surukwat so trockenen Fußes wie möglich zu bewältigen. Trekkingsandalen mit einer festen Sohle helfen, die Wege deutlich
zu verkürzen bzw. überhaupt erst möglich zu machen, je nach Wasserstand.
Auf der dritten Etappe steht der Aghil-Pass auf dem Programm.
Das macht zunächst 15 km Entfernung, 800 Höhenmeter (brutto, hoch und runter), plus die Bewältigung diverser Schutt-
und Erososionsrinnen in absolut weglosem Gelände. Der endgültige Abstieg vom Schwemmkegel in das Shagsgam-Tal sorgt
für eine kleine Klettereinlage (bis der nächste Winter das Gelände umgestaltet). Auf der Passhöhe bzw. kurz danach winkt
die erste Aussicht auf 8000-er: Bei guten Bedingungen sind die Gasherbrum's und der Broad Peak zu sehen. Die schöne
Aussicht wird meist durch einen eiskalten Wind in Stärke 6-7 etwas beeinträchtigt, der auch sonst dafür sorgt, dass auf
dieser Etappe kein übermässig behagliches Gefühl aufkommt.
Der Aghil-Pass wurde 1929 erstmalig von Europäern begangen.
Es folgt eine weitere Flussbett-Etappe, bevor es über einen Bergrücken hinüber in das Sarpo-Laggio Tal zum Zielpunkt der Expedition geht,
dem chinesischen Basislger des K2. Dieses ist, wie die meisten anderen Rastpunkte auch, in einer "Oase" gelegen, die durch loses, mannshohes
Buschwerk gebildet wird, welches den Kamelen als Nahrung dient. Diese Lebensinseln werden überwiegend von Vögeln, mitunter aber auch von
Hasen und Wildeseln bevölkert. Das Ziel der Begierde, der K2, ist von diesem Camp aus noch nicht zu sehen.
Laut Prospekt hat man nun 5 Tage Zeit, bis ins sogenannte "Advanced Basecamp" vorzudringen bzw. sogar den Tuo Feng, einen 6000-m-Gipfel direkt
über dem Lager, zu besteigen. Die erste Option wurde dadurch verhindert, dass Schuttabgänge von den oberen Hängen des Gletschertales den Weg
de facto versperrten bzw. dieser nur mit Hilfe von Sicherungsmaßnahmen gangbar gewesen wäre. Da jedoch an jedem Morgen dicke Wolken von Pakistan
herüberquollen, haben wir uns diese Mühe nicht gemacht. Die Option Tuo Feng haben wir "beerdigt", nachdem unser Schweizer Bergführer Peter die
Verhältnisse am Berg erkundet hatte und diese für "nicht lustig" erklärte. Das mitgeführte Satelliten-Telefon klärte uns nach zwei Tagen mit, dass in
wenigen Tagen am K2 ein Wetterumschwung von trocken zu feucht stattfinden würde. Den Rückweg über den Aghil-Pass vor Augen, haben wir uns so am 3. Tag
entschieden, den geordneten Rückzug anzutreten. Um auch die letzte Chance, den K2 zu sehen, nutzen zu können, sind drei Gruppenmitglieder an diesem
Tag um 6.00 Uhr ein weiters mal zu einem Aussichtspunkt aufgestiegen, den wir schon mehrfach vergeblich aufgesucht hatten. Und diesmal sollte
uns das Glück hold sein: Es war wolkenlos! Allerdings stellte sich heraus, das selbst bei klarstem Himmel der Gipfel des K2 vom Aussichtspunkt nicht
sichtbar ist. Erst ein Abstieg in das Tal des K2-Gletschers gab hinter einem Bergrücken einen kleinen Zipfel frei. Die Zeit drängte, also: Umkehr.
Wir hatten an diesem Tag eine schwere Etappe vor uns (was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnten ...). Nach erneuter Querung
des K2-Gletscherflusses (in Unterhosen) führte uns Peter zu einem "todsicheren" K2-Aussichtspunkt ca. 300 m über dem Talboden.
Nach weitern 100 Höhenmetern
erreichten wir tatsächlich einen Hügel, der einen freien Blick bis zum zweithöchsten Berg der Erde erlaubte. Eine Stunde wurde fotografiert, gefilmt und
geschwärmt. Über den Rest der Etappe decken wir den Mantel des Vergessens, sie war mega-anstrengend und endete in einer Nacht-Überquerung des
Shaksgam (auf Kamelen, nicht lustig) mit anschliessender halbstündiger Suche des Rastplatzes (nicht lustig).
Der weitere Rückweg gestaltete sich
entspannt, das Wetter blieb uns hold und selbst der Aghil-Pass schien nur noch halb so hoch zu sein wie auf dem Hinweg :-)
Die zwei gewonnen Tage haben wir in
verbracht. Kashgar ist die zweitgrösste Stadt der chinesischen Provinz Xingyang (Schreibweisen sehr unterschiedlich). Hier existieren zwei Parallel-Universen nebeneinander -
ein chinesisches und ein uigurisches. Diese Universen berühren sich an einigen wenigen Punkten in Raum und Zeit. Über das chinesisch-uigurische Problem wude
in dem Medien ausführlich berichtet, es ist mehr als beklemmend, dieses in natura zu erleben. Da die chinesische Partneragentur eigentlich eine uigurische war,
wurden wir hauptsächlich mit der moslemischen Betrachtungsweise bekanntgemacht. Sie stellt sicher die leidvollere der beiden Sichtweisen dar, eine weitere Erörterung
erspare ich mir an dieser Stelle (es ist ein Bericht über eine Trekkingtour).
In Kashgar sind eine Reihe von touristischen Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Die (uigurische) Altstadt und der allenthalben gerühmte Sonntagsmarkt stellen zweifellos die Höhepunkte dar. Beim Kauf von Souvenieren sollten die üblichen Regeln
für den Geschäftverkehr auf orientalischen Märkten strikt beachten werden (man will ja nicht den ganzen Laden kaufen, sondern nur das Seidentuch).
Eine sehr lohnende Tour, die eine Reihe von Höhepunkten, aber auch eine Reihe von Risiken birgt. Auf dem Trekk bewegt man sich in absolut menschenleerem Gebiet,
welches ausserdem miltärisches Sperrgebiet ist. (Dafür kehrt man mit dem Bewusstsein nach Hause, an einem Platz gewesen zu sein, den erst weinige hundert Europäer
betreten haben.) Ein Krankentransport ist nur mit den vorhandenen Mitteln möglich. Wer noch kein Zelt-Trekking mitgemacht hat, sollte
sich vorher über die Einschränkungen beim Schlafkomfort sowie bei den hygienischen Verhältnissen im Klaren sein. Die Verpflegung unterwegs wird durch einen Koch
sichergestellt, der aus dem mitgeführten Vorräten ein hervorragendes Essen zaubert. Bestes Schuhwerk (harte Sohle!) und Kleidung für "alle Gelegenheiten" zwischen -10 und +30 °C
sind unabdingbar, Erfahrungen beim Gehen und Orientieren im weglosen Gelände sind von Vorteil. Einziger Wermutstropfen dieser Tour ist die Tatsache, dass man sich
überwiegend auf dem Boden gigantischer Täler bewegt. Die Momente mit den faszinierenden Fern- oder Tiefblicken wie in den Alpen oder z.T. auch im Khumbu-Gebiet
sind rar.
Schlusswort: Und so sind wir der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder um ein unendlich kleines Stück näher gekommen.
Nach einem halben Jahr habe ich nun endlich das Video fertig: